The State of the Gutenberg

Auf der State of the Word im Dezember 2016 kündigte Matt Mullenweg das „Projekt Gutenberg“ an. Angesichts der anstehenden radikalen Veränderungen möchte ich kurz Revue passieren lassen, was er ein Jahr später auf der State of the Word 2017 zu Gutenberg gesagt hat. Und was nicht.

Die Idee: Gutenberg basiert auf »Blöcken«

Nach einem kurzen Rückblick auf die WordPress-Versionen 4.8 und 4.9 und der Ansage, dass es für 2018 kein traditionelles Standardtheme Twenty Eighteen geben wird, ging es in der State of the Word 2017 nach einer guten halben Stunde los mit dem Thema „Gutenberg“.

Zunächst erklärt Mullenweg, dass Gutenberg ein Versuch ist, die verschiedensten WordPress-Eigenheiten wie Shortcodes, Widgets und Menüs in einem neuen und eleganten Konzept zusammenzuführen, das er „Blocks“ nennt:

[Gutenberg is] basically an effort to simplify all the different things we have going on in WordPress: shortcodes, widgets, menus, and all the random stuff that people put in TinyMCE into one elegant concept, which is a block.

Das Projekt „Gutenberg“ ist also nicht nur „der neue WordPress-Editor“, sondern eine Revolution, und der Name ist nicht zufällig gewählt (siehe Matt Mullenweg Blogbeitrag We called it Gutenberg for a reason vom August 2017).

»A Live Demo«: Gutenberg in Aktion

Nach diesem kurzen Intro holt Mullenweg den Gutenberg-Entwickler Matias Ventura auf die Bühne, der Gutenberg und seine Blöcke in einer sehenswerten, gut viertelstündigen Live Demo vorstellt (bis ca. Minute 53:00).

Diese Demo von Matias Ventura gibt einen guten Eindruck davon, was die von Mullenweg erwähnten „blocks“ sind und welche Möglichkeiten sie eröffnen.

Ventura kopiert zunächst die ersten Absätze von „Don Quichote“ aus einem Google Doc und fügt Sie in WordPress in ein unscheinbares Editorfeld. Jeder Absatz wird dabei automatisch in einen Block verwandelt, der sich getrennt von anderen Blöcken bearbeiten und gestalten lässt.

Kurze Zeit später besteht der Beitrag aus diversen Blöcken: ein Titel, ein Zitat als Intro, ein paar Absätze Fließtext und ein Bild, das sich über die gesamte Breite erstreckt (Cover Image genannt). Dabei gibt es immer mal wieder ein paar kleine Schmankerl zwischendurch: So zieht Ventura ein einzufügendes Bild direkt vom Desktop auf einen Image-Block in den Editor und die Grafik wird im Hintergrund automatisch in die Mediathek hochgeladen. Nix mehr mit Button „Medien hinzufügen“ anklicken, Bild hochladen, Bild einfügen und so weiter. Schon Klasse so.

Ventura zeigt auch, wie Blocks den Umgang mit Galerien vereinfachen könnten (ab Minute 42:05). Die Spaltenanzahl, das Layout einer Galerie, alles kann der Nutzer leicht verändern, und im Hintergrund wird immer valides, semantisches Markup erzeugt, auch wenn der Benutzer nicht einmal weiß, was das ist.

Es gibt Blöcke für Zitate, für Buttons, für eigenes HTML und vieles andere, aber ein Block kann auch Funktionen bereitstellen, die ansonsten nur in Widgets zu finden sind. Als Beispiel fügt Ventura einen Block namens „Latest Posts“ ein, und mitten im Beitrag erscheint eine dynamische erzeugte Liste der letzten Beiträge. Bye bye Widgets, guten Tag Gutenberg.

Und das ist nur der Anfang:

  • Blöcke können wie ein Textbaustein abgespeichert und in anderen Beiträgen wieder eingefügt werden.
  • Entwickler können aus mehreren Blöcken bestehende Templates erzeugen, die der Nutzer nur noch ausfüllen muss.
  • Themes können eine Farbpalette definieren, die dann bei der Bearbeitung der Blöcke erscheint, oder das Erscheinungsbild der Blöcke im Editor beeinflussen, ohne das sich die Funktionalität ändert.

Die Live Demo zeigt im Ansatz, dass das Konzept der Blöcke den Weg für völlig neue Möglichkeiten ebnet und dass das ziemlich sicher eine ziemlich gute Idee ist.

Gutenberg: Kein Frontend-Editing, und nur ein bisschen WYIWYG.

Nach der Demo ist dann Matt Mullenweg wieder dran, und sein erster Satz ist absolut bemerkenswert:

That was frontend-editing, that was WYSIWYG, like in the real sense of it.

Die Demo ist sehenswert, aber Frontend-Editing und WYSIWYG? Tja. Mmh. Nicht wirklich.

Pagebuilder wie Elementor oder Beaver Builder ermöglichen es, Inhalte auf einer Seite zu bearbeiten, die wie das Frontend aussieht, aber mit Gutenberg wird der Beitrag wie gehabt im Backend erstellt und bearbeitet. Nix Frontend-Editing.

Und WYSIWYG? Das Theme kann zwar das Aussehen der Blöcke im Backend beeinflussen, aber Ähnliches kann man mit einem Editor-Stylesheet jetzt auch erreichen. Im Gutenberg-Editor wird aber nur der Inhaltsbereich bearbeitet. Andere Frontend-Elemente wie Header, Menüs, Sidebar, Footer etc. sind im Gutenberg-Editor nicht zu sehen.

Um den Beitrag oder die Seite also als Teil der Site zu erleben, muss man ihn sich – genau wie jetzt im klassischen TinyMCE – in einem neuen Browser-Tab im Frontend anschauen. Nix WYSIWYG.

Gutenberg kommt im April 2018. Oder im Juni. Oder später.

Eine regelmäßig aktualisierte Beta von „Gutenberg als Editor“ ist im Plugin-Verzeichnis verfügbar und kann getestet werden, aber wann genau wird der Editor-Teil von Gutenberg ein Teil des WordPress-Core?

Ab Minute 54:01 äußert sich Mullenweg dazu, und zwar in Form eines Fotos.

  • Links sieht man Mullenwegs Bart (den „Gutenbeard“) Anfang Dezember 2017, zur Zeit der Rede.
  • Rechts beim voraussichtlichen Launch im April 2018.
Der Gutenbeard – Matt Mullenweg lässt den Bart wachsen, bis Gutenberg veröffentlicht wird.

Anschließend wurde ein Kalenderblatt vom April 2018 gezeigt, und nach der Rede wurde denn auch „April 2018“ als voraussichtliches Erscheinungsdatum für WordPress 5.0 kolportiert, aber hat so präzise hat Mullenweg das eigentlich nicht gesagt. Er lässt sich durchaus noch eine Hintertür offen:

So that puts us back into around April when I think this is ready for the widest audience, even wider than it is now.

Im Klartext: Gutenberg wird wahrscheinlich im April 2018 soweit sein, einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Das kann alles heißen, inklusive einer weiteren, intensivierten Testphase.

Klar ist nur, dass Gutenberg in WordPress 5.0 erscheinen wird, und dass es bis dahin wahrscheinlich noch ein paar Releases von Version 4.9 geben wird.

WordPress 5.0 lieber ohne Gutenberg? Plugin »The Classic Editor« installieren

Gutenberg wird also viel verändern, sowohl für einfache Redakteure als auch für Entwickler von Themes und Plugins. Wem all diese Änderungen nicht geheuer sind und wer beim Update auf WordPress 5.0 lieber keine bösen Überraschungen erleben möchte, sollte laut Mullenweg einfach das folgende Plugin installieren:

Classic Editor ist eine Art Gutenberg-Verhinderer und hat zwei Betriebsmodi:

  1. TinyMCE statt Gutenberg. Dadurch wird Gutenberg als Editor vollständig von TinyMCE ersetzt und der klassische Bearbeiten-Modus wiederhergestellt. Gutenberg? What Gutenberg?
  2. TinyMCE für einzelne Beiträge. Dazu werden Links in Admin-Menü, Werkzeugleiste und Bearbeiten-Fenster eingefügt, mit denen man nur für jeweils einen Beitrag in den klassischen Bearbeiten-Modus wechseln kann.

Das ist natürlich nur eine vorübergehende Lösung, denn Gutenberg wird kommen und dem wird man sich auf Dauer nicht verweigern können, aber eine Weile wird der Trick mit dem Plugin noch funktionieren. Oder wie Mullenweg es ausdrückt: This will work for at least another while.

Nach dem Editor kommt »Gutenberg im Customizer«

Mullenweg bleibt auch in 2018 Chef-Entwickler und wird Gutenberg bis zur endgültigen Fertigstellung begleiten.

Nach dem Erscheinen von WordPress 5.0 und Gutenberg im Editor geht es weiter mit etwas, dass Mullenweg als Gutenberg-based site-customization umschreibt. Blocks können prinzipiell auch außerhalb von Beiträgen verwendet werden: Bestandteile eines Layouts wie Header, ein Seitentitel oder Social Icons stellt Mullenweg sich als Block vor und zeigt dazu eine einfache Layout-Skizze mit Legosteinen.

Sehr viel konkreter wird er dabei leider nicht. Keine Visualisierung, kein Screenshot, keine Demo. Eigentlich nur eine nette Idee.

Auch beim Timing bleibt es eher vage: Most of the hard stuff is out of the way, sagt Mullenweg, lacht und hofft, dass ihm dieser Satz Ende des Jahres nicht selbst auf die Füße fällt.

»Gutenberg changes everything«. Unklar bleibt was genau. Und wann. Und wie.

In dem weiter oben bereits erwähnten Blogbeitrag We called it Gutenberg for a reason beschreibt Matt Mullenweg die Auswirkungen des von Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts in Mainz erfundenen Buchdrucks mit beweglichen Lettern mit den Worten „Gutenberg changed everything“. Und dieser Satz gilt nicht nur für Gutenbergs Buchdruck, sondern auch für das Projekt Gutenberg in WordPress mit seinen beweglichen Blöcken. Gutenberg changes everything. Soviel ist nach der State of the Word 2017 klar.

Klar ist auch, dass diese Veränderung in drei Phasen stattfindet:

  • Phase 1 ist Gutenberg im Editor.
    Eine neue blockbasierte Editorseite für Beiträge und Seiten (in WordPress 5.0).
  • Phase 2 ist Gutenberg im Customizer.
    Ein neuer Customizer zur Anpassung von Seiten und Sites (in WordPress 5.x).
  • Phase 3 ist ein Standardtheme mit Gutenberg.
    Ein neues Standard-Theme wird die neuen Möglichkeiten umsetzen und demonstrieren.

Alles andere bleibt aber seltsam unklar. Die Live Demo zeigt Gutenberg nur als Editor. Die weitergehenden Möglichkeiten von Blocks im Customizer, beim Seitenlayout oder gar beim Site-Building werden nur erwähnt.

Anders ausgedrückt: Gutenberg? Was mit Blöcken. Verändert alles. Unklar bleibt aber was genau. Und wann. Und wie. We’ll see.

Nach der Rede: »Questions & Answers«

Die WP-Community ist bezüglich Gutenberg bisher vorsichtig ausgedrückt eher gespalten. Die meisten Rezensionen auf der Plugin-Seite haben entweder einen oder fünf Sterne, dazwischen ist nicht viel.

Aber selbst viele Gutenberg-Fans sprechen von einem sehr ehrgeizigen Zeitplan und halten April 2018 als Release-Datum für viel zu früh.

Die Skepsis der WP-Community spiegelt sich auch in freundlich, aber bestimmt gestellten Fragen nach der Rede von Mullenweg. Dessen Antworten sind dabei nicht immer so konkret, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte, und gehen mitunter auch völlig an der Frage vorbei. Viel Spaß beim Q & A.

Fazit: Gutenberg ist »was mit Blöcken«

WordPress steht als Motor hinter inzwischen mehr als 30% aller Websites. Das Projekt Gutenberg wird die Software komplett umkrempeln und es mutet schon fast wunderlich an, wie seltsam unkonkret das alles auch nach inzwischen mehr als einem Jahr harter Arbeit immer noch ist.

Drei Monate nach der State of the Word-Rede gibt es immer noch keinen wirklich konkreten Zeitplan und keine definierten Ziele, die vor einem Merge in den Core erfüllt sein müssten. Oder gar eine Roadmap für Phase 2 und 3? Nope.

Gutenberg erscheint wie eine gute Idee, nimmt aber nur sehr langsam konkrete Formen an, und das führt im WordPress-Universum zunehmend zu Verunsicherung. Interessante Zeiten, aber Fazit ist, das WordPress auf absehbare Zeit so gut wie keine Planungssicherheit bietet.

Einige interessante Links zu Gutenberg

Zunächst ein paar offizielle Links:

Matt Mullenweg leitet das Projekt und äußert sich immer mal wieder dazu. Unter anderem hier:

Morten Rand-Hendriksen ist ein in Kanada lebender Norweger, der zu Webdesign im Allgemeinen und WordPress im Speziellen zahlreiche Videotrainings veröffentlicht hat. Hier seine Sicht zu Gutenberg:

Falls Sie ein bisschen tiefer eintauchen möchten, folgt zum Schluss noch eine Sammlung von Gutenberg-Links von WPTavern.com:

Viel Spaß beim Ausprobieren!

 

Mein Name ist Peter Müller. Ich bin Autor diverser Fachbücher und Videokurse, Dozent und Webworker.

Hier im Blog auf pmueller.de schreibe ich Beiträge zu den verschiedensten Themen, aber meistens hat es was mit dem Web zu tun.

2 Gedanken zu “The State of the Gutenberg

  1. Hallo Herr Müller,

    zuerst hatte ich Ihr Buch Flexible Boxes gelesen und fand und finde die vielen Details und praktischen Hinweise
    beeindruckend … nun sind sie auf der wordpress-Schiene … und dem Gutenberg-Projekt …

    Mich würde aber was ganz anderes interessieren, nämlich Ihr Standpunkt zu der aktuellen Datenschutzerklärungs-
    Problematik .

    Danke und beste Grüße

    • Vielen Dank für das Kompliment zu „Flexible Boxes“, aber ein Kommentar unter einem Beitrag zu Gutenberg ist ein eher ungünstiger Platz für Fragen und Antworten zur DSGVO.

      Sagen wir mal so: ich hätte die letzten gut vier Wochen auch gerne mal was anderes gemacht. Wobei die Angst vor möglichen Abmahnungen eigentlich für viele schlimmer ist als die DSGVO selbst.

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